Donnerstag, 10.10.2013

Von Vögeln, Obst und Orientierungsschwierigkeiten

Mein Leben lang hab ich mich über "Die Zeit vergeht so schnell..."-Sager lustig gemacht und jetzt ist es genau das, was meine momentanen Gedankengänge bestimmt. Meine zweite Woche hier ist schon fast um und als pseudoerfahrene Reisetante bin ich so neunmalklug, dass ich weiß, dass der Rest noch viel schneller verfliegen wird und schwuppsdiwupps bin ich wieder im guten alten Germanland. Da, ich da aber noch lange nicht hin zurück will, erzeugen ebendiese Gedankengänge so Mini-Panikattacken à la "Oh Gott, ich nutz nicht jede Sekunde und das werd ich so was von bereuen", obwohl das natürlich totaler Quark mit Käsewurstsahne ist. Lachend

Vogelge-KREISCH-zwitscher.

Meine Spanischkenntnisse sind immer noch sehr bescheiden, aber ich geb mein Bestes und kann mich mittlerweile immerhin in Gegenwartsform und mit vielen "Ööhmmm"s und "Hmmmm"s sozusagen verständigen. Aus grammatikalischer Sicht klingt das zwar eher nach Ohrenkrebs, aber Sprachenlernen ist erfahrungsgemäß eben kein Zuckerschlecken und mühsam ernährt sich ein Eichhörnchen. (Das ist so ein ultrakluger Spruch, den irgendwer Ultrakluges irgendwann mal gesagt hat um ultra klug zu wirken und den ich jetzt hier verwende um mindestens genau so uktraklug zu wirken. Weise Worte oder so).

Noch mehr Vogelge-KREISCH-zwitscher.
Diese blöden Vögel vor meinem Fenster. Können die nicht woanders zwitschern?!
Am Anfang fand ich die noch süß.. Jetzt hält sich das eher in Grenzen.

Am Wochenende war ich auf einem "Obst- und Gemüsemarkt", der mich so beeindruckt hat, dass ich mir nicht mehr sicher bin, ob  die Obst- und Gemüsemärkte in Deutschland diese Bezeichnung überhaupt verdient haben. Hier ist das Obst obstiger und das Gemüse gemüsiger, oder am Obstigsten/Gemüsigsten. Hier kann man aus lustigen Melonen-Ball-Zuckerrüben-artigen runden Dingern mit quietschbunten Strohhälmen lustig schmeckendes "Wasser" trinken. Und obstigeres Obst probieren. Und sich Gedanken darüber machen, wie so was Simples wie die ständige Verfügbarkeit von obstigerem Obst das Leben bereichern kann. Lächelnd

Wuff wuff, der Hund bellt. Eigentlich bellt/zwitschert/donnert/rattert/schreit/regnet/musiziert/eskaliert/keineahnungwasnoch eigentlich immer etwas. Ist mir ein bisschen zu viel natürliche Selbstentfaltung. Von den Vögeln und so. Zum Schlafen jedenfalls. Für mein westeuropäisches Robotergehirn. Oder so.

Letzte Woche habe ich mich verlaufen und dann habe ich nach dem Weg gefragt und natürlich hat mich just in dem Moment niemand verstanden und wie das dann eben so ist, hat es auch noch zu regnen angefangen und ich hatte keine Jacke und alle haben mich angestarrt weil blond&blöd und dann war ich so traurig, dass ich mich ganz einsam und frierend mit meinem Regenschirm auf eine Parkbank gesetzt hab und so präpubertäre Sachen wie Musik-auf-voller-Lautstärke-hören/Kette-rauchen/Theatralisch-vor-mich-hinschniefen machen musste und folglich bin ich nur noch mehr angestarrt worden und da war dann Schicht im Schacht und ich fand Costa Rica einfach nur blöd. Ohne blond.Stirnrunzelnd

Mittwoch, 02.10.2013

Ankunft, Ein-Drückerei und alles mit -istisch

Am Sonntag Spätnachmittag bin ich nach einem WIRKLICH endlosen Flug total verschnieft und verschnupft und mit beinahe-geplatzem Kopf in San José (bzw. Alajuela) angekommen, wo meine schon-wieder-WIRKLICH-knuffigen und megasympathischen (Nein, keine Ironie!) Gasteltern mit einem Schild in der Hand auf mich gewartet haben. Lächelnd

Da hab ich mich echt gefreut und hab mir so gedacht, Flug hin oder her, jetzt ist doch alles in Butter. Dann war aber spontan eben nicht alles gut, weil ich nämlich kurz später herausgefunden habe, dass meine Gasteltern nämlich kein Wort Englisch können und noch viel später, dass eigentlich niemand (den ich bisher hier kennengelernt habe) Englisch kann. Außer die Frau, die mir im Spanischsprachkurs Spanisch beibringen soll, aber die zählt ja nicht, Lehrer zählen eh nie dazu. Von Deutschkenntnissen brauche ich gar nicht erst anzufangen, das erklärt sich von selbst, glaube ich.

Nun, da meine Spanischkenntnisse relativ bescheiden sind, kommuniziere ich jetzt gezwungenermaßen mit Händen und Füßen und Gegenständen oder eben gar nicht, weshalb ich meinen stets präsenten Redefluss seit Sonntag auf "Ja" und "Nein" und "Danke" und "Weiß nicht, wie man das auf Spanisch sagt, HIHIHIHIHIHIHIHIHI" beschränkt habe, mit Fokus auf "HIHIHIHIHIHIHIHI", und permanent Kopfweh davon kriege. So eine Art Kopfweh, bei der Paracetamol auch nicht mehr hilft, sondern wenn überhaupt nur Schlafen, Winterschlaf oder so, das wär jetzt prima.
Auch vom vielen Zuhören bekomme ich Kopfschmerzen, weil Spanisch verstehen tu ich ja einigermaßen, nur sprechen eben nicht. Gleich geh ich mir ein Eis backen, weil ich so talentiert bin und alles so gut organisiert habe. Auf einmal fallen mir sogar Wörter auf Französisch ein, die ich mit Sicherheit in meinem ganzen Leben geschweige denn meiner Schulkarriere noch nie gewusst hab, aber auf einmal wollen die ganzen Wörter sich furchtbar wichtig machen in meinem überanstrengten Köpfchen und alles will da einfach nur raus und ich will auch alles rauslassen, aber mich versteht doch keiner.
Dummer Scheiß.Weinend
Ich muss mich vielleicht auch erst daran gewöhnen, dass ich halt das Vokabular für Themen wie die Euro-Krise, Klima-Zonen in Deutschland oder meine Kreuzbandrissvorgeschichte vorerst nicht hab und auch demnächst nicht haben werde. Anstattdessen zeige ich auf Sachen und schneide eigenartige Grimassen.
Pantomimisch superior. Linguistisch, naja eher weniger..

Die Menschen hier scheinen alle nett und freundlich zu sein, aber alle starren (einander an/mich an). Es gibt gar kein besseres oder treffenderes Wort dafür. Überallhin verfolgt mich ein permanentes Geglotze. Da guckstu. So richtig schamlos und taktlos und unhöflich irgendwie, unhöflich für mich in meiner beschränkten Deutschheit und meiner verklemmten Kultur; unhöflich für Touristen aus westeuropäischen Wohlstandsländern, wo man nicht einfach mal Leute angucken kann ohne als gutes Beispiel schlechter Manieren betitelt zu werden, oder noch besser gleich eins auf die Fresse zu kriegen.
In Deutschland wäre das nicht nur ungezogen und sowas wie kulturfremd, sondern situationsabhängig auch ebenso faschistisch, rasssistisch und sexistisch.
Und halt sonst noch alles mit istisch.
Denn, wenn man sich die Problematik einmal genauer betrachtet, bin ich eigentlich "die Weiße", "die Blonde", oder auch "die Fremde". Und "die Frau". Hahaha.
Heißt soviel wie: 1. Starr in Deutschland einen "Schwarzen" an und aus die Maus. Du Rassist/Faschist/Monster!!!!!! 2. Starr als Mann einer Frau hinterher. Du Sexist/Arschloch/Perverser!!!! 3. Starr in Costa Rica blonden, ausländischen Frauen hinterher und alles ist cool. Macht ja sonst auch jeder. Gar kein Problem.
Seltsames Land. Oder Deutschland. Oder beides.

Ansonsten gibt es hier mehr oder weniger amüsante Phänomene wie zähneputzwütige Restaurantbesucher, kaffeetrinkende Kleinkinder und skrupellose Autofahrer.
Mehr dazu nächstes Mal. Falls es mir beliebt Zunge raus

Samstag, 28.09.2013

Countdown... uaaaaagggghhh!!!

Noch wenige Stunden und in mir blubberts ganz wild und doll und schnell.
Natürlich bin ich kurz vor knapp auch noch krank geworden und huste und schniefe hier so rum. Gewinn für die Tempoindustrie, aber sowas von. Lachend

Gepackt habe ich auch noch nicht -ich hab's ja auch überhaupt gar nicht eilig oder so- und was ich ganz dringend brauche ist jemand der mir mal so richtig in den Arsch tritt, damit ich daraus resultierend innerhalb der nächsten fünf Stunden auch irgendwann so ähnlich wie abflugbereit bin.Das schaffe ich aber sowieso nicht und deshalb hab ich schon wieder dieses Umpf-Gefühl und zwar nicht nur in der Magengegend oder im Hals, oder wo man so Klöße halt hat, sondern überall, bishin in die Zehenspitzen.
Es ist jetzt schon sowas von fünf vor Zwölf, ey. Alter, ich schwöööööör! Cool

Bitte, bitte, bitte, du gütiges, unübertrefflich reizendes, fiktives Irgendwas im Himmel, (das nicht Gott sein kann, weil Gott gibt es -meiner Meinung- nach nicht), das sich aber trotzdem oder gerade deshalb hier gerade mal angesprochen fühlen sollte; ich weiß ja, wir sind hier nicht bei Wünsch-dir-was und ich weiß du hast genug zu tun, aber tu mir doch einen klitzekleinen Gefallen und mach einfach, dass alles gut wird.
Gut im Sinne von Flug-nicht-verpassen und Koffer-schön-gepackt-haben und Kein-Stress-am-Flughafen und Nette-Gastfamilie-am-Zielort und vielleicht auch noch ein ganz kleines bisschen Gesundheit, damit meine Mitflieger im Flugzeug auch ein bisschen Heia machen können und sich mein Gehuste nicht anhören müssen.

Das wars auch schon. Punkt, Punkt, Komma, Strich...

Mittwoch, 18.09.2013

Gastfamilie, Flug, Aufregung, Alles.

Flug ist gebucht und am 29.September geht es endlich (oder vielleicht doch nicht so endlich, sondern eher SCHON) los und ich weiß gar nicht wie man gleichzeitig genau so viel wie wenig Angst vor irgendetwas haben kann.
Hormonell bin ich tendenziell und prinzipiell metaphorisch gerade ein Wollknäuel ohne Wolle. Alles so verzwickt und verstrickt. Aber dafür weniger flauschig.

Seit gestern habe ich auch offiziell eine Gastfamilie, also ein liebevolles Zuhause in der Fremde, beziehungsweise eigentlich bisher nur ein weißes Stück Papier mit grob in Stichpunkten zusammengefassten Angaben über die Personen, denen ich drei Monate lang auf die Pelle rücken werde und deren Bakterien meinen Bakterien freundlich Hallo sagen werden, damit wir dann alle ganz furchtbar dicke Freunde sind. Höhö.
Dicke Freunde werden ist nämlich trölftausendmal besser als dick werden.

Die Gastfamilienmama (nennt man die so?) ist laut Steckbrief Hausfrau.
Sie hat viel zu viele Namen, die mich allesamt an meine mexikanischen Freunde erinnern und nicht in eine Zeile passen. Gastfamilienmama ist mit Gastfamilienpapa verheiratet, der sich als "Fahrer" profiliert und was er so genau fährt, er-fährt man leider nicht.
Gastfamilienpapa hat mit Gastfamilienmama Kinder (oder vielleicht auch eine Patchworkfamilienkolonne, wer weiß), von denen Gastfamilienbruder allen Anscheins nach noch zu Hause wohnt und rumpolizistet (ja, ich weiß, das Wort gibt es nicht) und Gastfamilientochter bereits mit Nachwuchs nach nebenan gezogen ist.
Und Wellensittich ist halt Wellensittich und wellensitticht höchstwahrscheinlich in seinem costaricanischen Käfig herum.
Alles in allem klingt die Familie nett und irgendwie, naja, familientypisch.
Was ich anhand von maximal gescheiterter Erfahrung mit lesbischen Gastmamas plus hundert Katzen minus sozialem Verhalten nur als positiv verzeichnen kann.
Jetzt brauche ich bloß noch Gastgeschenke (und was auch immer man sonst so braucht, wenn man für drei Monate abhaut).

Aus aufs Weitere unmöglich ignorierbarer Notwendigkeit habe ich mir nun auch ein Wörterbuch und eine Grammatik-für-Dumme-Lektüre zugelegt und fühle mich jetzt richtig gut vorbereitet. Der letzte Teil des letzten Satzes ist zwar gelogen, aber ich habe trotzdem nichts Besseres, oder auch WIchtigeres, zu tun, als mir solche Thesen Tag und Nacht einzutrichtern.
Ist ja auch voll egal, ob man Spanisch kann. In spanischsprachigen Ländern. Wenn man dort wohnen will. Und arbeiten. Und leben. Und so. 

 

 

Mittwoch, 04.09.2013

Prä-Para-Noia

 

Heute habe ich nach endloser Warterei (sprich, höchstens ein-zwei Wochen, aber trotzdem endlos) endlich mal die offizielle Bestätigung des Freiwilligendienstes von meiner Orga per Email erhalten.

Seitdem ist das so, als hätte man irgendwo in meinem System mal eben einen An-Schalter umgelegt, und alles wird auf einmal richtig echt und real und angreifbar. So angreifbar, dass ich jetzt mit Impferei und allem schon richtig sputen muss, also eigentlich dann anpieksbar, weil Nadel und so. Jetzt war ich schon so oft im Ausland und vergesse trotzdem jedes Mal aufs Neue, was man denn da so alles erledigen muss.
Arzt, Impfung, Bank, anderer Arzt, mindestens ein komisches Amt, das natürlich nur zu megablöden Zeiten geöffnet ist, Reisebüro, Apotheke, Drogeriemarkt, Hau-Mich-Blau, … Immer dieser Kauf-Pack-Abschiedsstress. Jedes Mal dasselbe. Und bei jedem weiteren Mal Packen, krieg ich wieder dieses eklig, wutentbrannte Kloß-im-Hals-„Ich-hab-keinen-Bock-mehr-auf-den-Scheiß“-Gefühl, das man gar nicht runterschlucken kann, weil es so von innen heraus hochblubbert. 
Und dann denk ich abermals, also das war jetzt definitiv das letzte Mal Packen. Eh net.
Wer glaub ich eigentlich, wer ich bin und wieso lüg ich mich selbst immer so dreist an. Suche den Fehler im Bild!

Jedenfalls ist jetzt mal wieder Baustelle in meinem Schwabbelhirn und mein Leben konzentriert sich wieder mehr und mehr auf den leider sehr begrenzten Inhalt eines Koffers. Immer diese Prioritäten-Setzerei, das ist fast noch schlimmer als der Kauf-Pack-Abschiedsstress. Aber egal und so.
Und ich seh mich schon jetzt einen Tag vor Abflug mit Kleidertürmchen und Kabelsalat nervlich maximal überreizt im Wohnzimmer herumwuseln. Und das Last-Minute-Monster in mir verfluchen.
Einfach mal in Ruhe wütend sein. Und dann aus lauter Frust versuchen mich selbst in den Koffer zu stopfen und für immer im Koffer zu wohnen und mich von fusseligen Staubflusen zu ernähren und dumpfe Geräusche von mir zu geben, weil ich dann sicher mitsamt Koffer auf dem Gruseldachboden bei den Gruselgespenstern wohnen darf.
Vielleicht haben die wenigstens coole WG-Parties, das wär doch mal was.

Nichtsdestotrotz geht in „Hab-ich-noch-nicht-gezählt“-Tagen mein Costa Rica Abenteuer los und alles, was mir spontan dazu einfällt ist Erdboden schluck mich. Schneller. Juuuucheeeeeeeeiiiiiiiiiiiii!!!